Andacht – Karfreitag

 

Liebe Gemeinde,

Karfreitag 2020, was für ein Tag! Keine Glocken, kein Gottesdienst, bestenfalls ein andächtiges Gebet in einer verwaisten Kirche. Ansonsten zu Hause bleiben, Fernsehen schauen, vielleicht einen Spaziergang machen bei diesem herrlichen Frühlingswetter – aber dabei so wenig Kontakte wie möglich. Der Karfreitag ist in diesem Jahr noch stiller, als wir uns diesen stillen Feiertag je hätten vorstellen können. Jedes Amüsement, jeder Kunstgenuss, jede Veranstaltung, die sonst Menschen zusammenbringt, ist strikt verboten, denn es könnte tödlich enden, für mich und andere.

Corona hat geschafft, was sich vor wenigen Wochen so niemand hätte vorstellen können: einen absolut stillen Feiertag. Noch nicht einmal mehr Flugzeuge am Himmel, leere Autobahnen, nur noch ganz wenige Züge rollen und selbst die sind so gut wie leer. Und niemand ist jetzt in Urlaub. Alle sind zu Hause. Haben Zeit nachzudenken. Zeit in sich zu gehen. Zuviel Zeit?

Psychische Erkrankungen werden durch den gesellschaftlichen Stillstand verstärkt. Depressionen nehmen zu. Ängste nehmen zu. Viele macht dieser Leerlauf auch aggressiv! Sie wissen nichts mit sich anzufangen. Fühlen sich ausgebremst. Auf dem Abstellgleis. Wohin mit all der Energie?

Karfreitag 2020! Karfreitag im Jahr 33 nach Christus! Was haben sie gemeinsam und was unterscheidet sie? Damals vor 1987 Jahren hatte das Jerusalemer Establishment, die Hohenpriester und Schriftgelehrten beschlossen, sich dieses unbequemen und kritischen Wanderpredigers aus Nazareth so bald als möglich zu entledigen, und die Römer, die in erster Linie Ruhe in ihrer Provinz Judäa haben wollten, zogen mit, machten mit Jesus kurzen Prozess und schlugen ihn ans Kreuz. Und danach mit Sonnenuntergang erst einmal Sabbatruhe. Totenstille! Gespenstisch!

Doch lassen wir uns davon nicht täuschen! Die Ruhe ist trügerisch! Es brodelt in Jerusalem! Denn der, der Liebe und Frieden predigte, den schlug man eben erst ans Kreuz. Statt seiner wählte man Hass und Krieg. Man favorisierte die Gewalt. Das wird übel enden, nicht nur für die Drahtzieher, sondern für alle in Jerusalem. Die Konflikte werden zunehmen. Die Spannungen werden zunehmen.

Im Jahre 70 schlagen die  römischen Truppen zu, töten die Aufständischen, vertreiben alle anderen, fällen sogar die uralten Ölbäume im Garten Gethsemane. Jerusalem ist nun ein Trümmerhaufen. Und wieder Totenstille. Grabesstille. Und das für lange Zeit!

Und fast 2000 Jahre später ziemlich genau dasselbe. Eine gespenstische Stille hat sich übers Land gelegt, genau wie damals an Karfreitag im Jahre 33 in Jerusalem.  Doch lassen wir uns nicht täuschen, die Gewalt nimmt zu, auch wenn man sie jetzt weniger wahrnimmt, weil sie nicht im öffentlichen Raum geschieht. Doch im Verborgenen geht sie weiter, heftiger und aggressiver denn je. Sie entlädt sich in millionenfachen Hassmails gegen Politiker, Angehörige von Minderheiten und Migranten. Und dann ist es oft nur noch ein kleiner Schritt vom Wort zur Tat. Die verbalen Brandstifter finden leicht ihre Schergen, die den Worten auch schon bald die entsprechenden Taten folgen lassen. Lassen wir uns nicht täuschen, die Ruhe jetzt ist trügerisch.

Jesus wurde nachts gefangen genommen, während alles schlief, das war Methode! Eine Methode, die man auch damals schon kannte vor 2000 Jahren in Jerusalem. Totalitäre Regime kennen und bemächtigen sich ihrer noch heute. Und auch für die Nazis war sie ein probates Mittel ihrer perfiden Politik. Leute fertig machen, Leute quälen und ermorden! Das gab und gibt es damals wie heute und zu allen Zeiten überall auf der Welt. Gewalt, sie wird auch zu Hause verübt, gerade jetzt wo alles still steht, mehr denn je. Kinder sind meist die ersten Opfer dieser Gewalt, die sich entlädt, wenn Erwachsene durchdrehen, weil sie mit sich und der Welt nicht mehr zu Recht kommen. Frauenhäuser sind im Moment überfüllt in Deutschland mit Frauen und Kindern, die Zuflucht suchen. Man mietet bereits Hotels an, um sie unterzubringen.

Seien wir also wachsam! Lassen wir uns von der Ruhe nicht täuschen! Von der Stille nicht einlullen! Karfreitag, der Tod Jesu Christi, ist Mahnung und Ansporn, uns mit unserer Kraft einzusetzen, für alle, denen Unrecht geschieht, die diskriminiert, ausgegrenzt, diffamiert und verfolgt werden,

„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
(2. Timotheus 1,7).

In diesem Geiste werden wir zu Erben der Botschaft und des Vermächtnisses Jesu Christi, der an Karfreitag im Jahre 33 für uns gestorben und dessen Leichnam von seiner Mutter und seinen Getreuen ins Grab gelegt worden ist, als Symbol für all das, was Menschen anderen Menschen antun, als Symbol für all die Greul, die Menschen je verübet haben, an die wir als Christen aber stets erinnern und die wir niemals auf sich beruhen lassen werden, heute an diesem Karfreitag 2020 und an allen Tage, die noch kommen. Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger