Andacht für den 9.4.

 

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Mit dem heutigen Gründonnerstag beginnen die fünf Tage, in denen wir zentrale Inhalte unseres Glaubens feiern:
Gründonnerstag – Einsetzung des Abendmahls; Karfreitag – Jesu Tod und Grablegung; Karsamstag – das Schweigen während Jesus im Felsengrab ruht; Ostersonntag und Ostermontag – Jesu Auferstehung, der Sieg des Lebens über den Tod.

Diese fünf Tage bilden eine Einheit. Ich kann nicht Ostern feiern ohne vorher an Jesu Leiden und Tod gedacht zu haben.

Nach dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem, begleiten wir Jesus heute in den Abend hinein. Nach den letzten aufregenden Tagen kehrt Ruhe ein. Die Jünger freuen sich auf die gemeinsame Zeit mit ihrem Meister beim Passamahl, endlich haben sie Jesus mal für sich allein. Liebevoll haben sie alles vorbereitet. Es soll ein schöner gemeinsamer Abend werden. Doch es kommt ganz anders:

Das gemeinsame Mahl wird zur Stunde des Abschieds. Das erkennen die Jünger, als Jesus das Brot nimmt, Gott dankt und sagt: „Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Danach dankt Jesus für den Kelch mit dem Wein, reicht ihn den Jüngern mit den Worten: „Nehmt hin und trinkt alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Ein Stück Brot und ein Schluck Wein und dann Jesu Ankündigung: „Einer von euch wird mich verraten.“

Das ist eine Zumutung. Das kann doch nicht sein. Statt Gemeinschaft und Harmonie plötzlich die Zweifel. Jeder fragt sich: „Bin ich’s?“ Jedes Jahr am Gründonnerstag bedenken wir diesen letzten Abend Jesu mit seinen Jüngern.

In jedem Konfirmandenjahrgang lesen wir die Geschichte von der Einsetzung des Abendmahls. Dazu betrachten wir das bekannte Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci.
Wir stellen die Szene an einem langen Tisch nach, und dabei übernimmt jeder eine Rolle. Niemand will gern den Judas darstellen, denn keiner will der Verräter sein. Doch dann wird spürbar, dass jeder Jünger an sich selbst zweifelt und sich fragt: „Doch nicht etwa ich?“ Anscheinend hält sich plötzlich jeder für fähig, Jesus zu verraten. Nach der Gemeinschaft im Freundeskreis mit Jesus die Selbstzweifel.

Wenn wir nun auf uns selbst schauen:
Wir können es uns nicht so einfach machen und sagen: Ja, Judas ist der Verräter. Ich habe nichts damit zu tun. Selbst Petrus lädt Schuld auf sich, als er leugnet, Jesus zu kennen.
Wir können nicht auf andere zeigen, sondern müssen erkennen: Niemand ist ohne Schuld.
Daher tut es gut, dass Jesus beim Kelchwort von Sündenvergebung spricht und wir in jedem Vaterunser bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

In „normalen Zeiten“ begehen wir den Gründonnerstag in der Forsbacher Christuskirche in ganz besonderer Weise. Wir machen uns bewusst, dass dieser Abend zugleich Jesu Abschied ist. Im Teilen von Brot und Wein erleben wir Gemeinschaft miteinander und mit Jesus und wissen, dass er ins Leiden geht. Dieses Erleben ist anders als die sonntägliche Abendmahlsfeier einmal im Monat. Ganz eindrücklich ist unsere Tradition gegen Ende des Gottesdienstes: Einige helfen dem Küster die Kerzen auszublasen und alles, was auf dem Altar liegt, wegzuräumen. Nur die Bibel bleibt auf dem Altar. All das geschieht in Stille. Zum Schluss wird das schwarze Tuch für den Karfreitag bereitgelegt.

Schwarz – wir wissen, dass für Jesus die dunkle Nacht im Garten von Gethsemane folgt. Jesus hat Angst vor dem Tod. Während er betet, sollen die Jünger wachen, doch sie schlafen ein. Da ist nichts mehr zu spüren von der Gemeinschaft im Abendmahl. Jesus ist enttäuscht und sagt: „Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt.“ Er fühlt sich im Stich gelassen. Vielleicht hat er vorher beim Abendmahl noch selbst Stärkung durch die Gemeinschaft erfahren, doch nun – in seiner Verzweiflung – halten die Freunde nicht zu ihm.

Auch wir sind Freundinnen und Freunde Jesu. Auch wir sind nicht ohne Schuld.

Die Gemeinschaft, die wir im Gottesdienst feiern, muss sich draußen bewähren.
Das heißt: Wir dürfen nicht einschlafen, wenn Menschen um uns herum Angst haben oder leiden. Wir sollten wach sein und da sein, wenn andere Zuspruch und Hilfe brauchen.

Gerade jetzt – in diesen Zeiten – sind viele Menschen wach und achten auf andere. Es ist so viel Solidarität zu spüren. Es gibt viele, die sich ganz selbstverständlich kümmern. Sie rufen Menschen an, die allein sind und einfach mal jemanden zum Reden brauchen. Viele kaufen für Ältere ein oder unterstützen in anderer Weise. – Allen ein herzliches Dankeschön!

Gründonnerstag – Gemeinschaft beim Abendmahl einerseits und die Einsamkeit Jesu andererseits, der Abend vor seiner Kreuzigung.

Vielleicht kann es trösten, wenn wir bedenken: Weil selbst Jesus Angst hatte, brauche ich mich meiner Ängste nicht zu schämen. Viele machen sich Sorgen um andere und um die eigene Gesundheit. Sie sind in guter Gesellschaft mit anderen, die auch Angst haben.
Und Jesus weiß, wie es uns geht.

Wichtig ist, dass wir solche Ängste ernst nehmen und in anderer Weise Gemeinschaft leben, denn einander treffen und sich nahe sein ist zur Zeit nicht möglich. Wir können Kontakt halten über die Medien, und wir können füreinander beten. Jesus sagt: „Wachet und betet.“

Ich vermisse unsere Gottesdienste. Gerade am Gründonnerstag Abend werde ich die Gemeinschaft vermissen, die wir alle Jahre wieder im Abendmahlskreis erleben.

Auch das anschließende gemeinsame Essen im Gemeindesaal wird mir fehlen. Nicht nur weil es immer so gut schmeckt. Es ist seit Jahren Tradition, dass Frau Bautz riesige Mengen von Pellkartoffeln kocht, und viele Gottesdienstbesucher die verschiedensten grünen Soßen mitbringen. Man muss sie alle durchprobieren (mmmhh). Die Gemeinschaft wird mir fehlen, die über den Gottesdienst hinausreicht: Beieinander sitzen, essen und gute Gespräche führen. Und so wurde es jedes Jahr später …

Ich werde an Sie und Euch denken.

Herzlichst Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Fotos: D. Binderberger