Andacht für den 5.4.

 

“Shitstorm” –  Bejubelt wie ein König – gekreuzigt wie ein …

Liebe Gemeinde,

heute ist Sonntag Palmarum und wiederum können wir keinen “normalen” Gottesdienst in usneren Kirchenhäusern feiern. Eigentlich würden wir heute in Volberg “Goldene Konfirmation” feiern  (auf diese Weise nun einen lieben Gruß an alle Jubilare – nächstes Jahr an Palmarum werden wir die “Goldenen” und die “Goldenen +1” feiern) und am Nachmittag hätten wir einen ökum. Gottesdienst gefeiert. Es tut mir weh, nun “nur” auf diese Weise mit Ihnen und Euch in Kontakt zu kommen.

“Palmarum” ist für mich, vom Thema des Sonntages her betrachtet, einer der seltsamsten Sonntage im Kirchenjahr. Denn wir feiern einen “Triumphzug” der wenige Tage später in einem “kreuzigt ihn” endet. Die biblische Geschichte für diesen Sonntag:  “Jesu Einzug in Jerusalem” (Matthäus 21,1-11).

Die Geschichte erzählt wie Jesus mit seinen Freunden den Jüngern nach Jerusalem reist um dort das Passahfest zu feiern. Das Passahfest ist für die Juden “das Fest der Feste”. Man erinnert sich an Gottes wunderbare Befreiungsaktion aus der Knechtschaft in Ägypten (2. Buch Mose).  5 Feiertage sind für dieses Fest angesetzt. Bevor Jesus nun mit seinen Jüngern nach Jerusalem einzieht, wird auf nicht ganz rechtskonforme Weise ein Esel “besorgt” (eine wunderbare Episode zum schmunzeln – es lohnt sich diese nachzulesen!). Und auf diesem Esel reitet Jesus dann nach Jerusalem ein. Die Menschen sind begeistert und jubeln ihm zu. Viel haben sie von ihm gehört. Nun ist er endlich bei ihnen in der Hauptstadt. Die Menschen  haben Erwartungen an ihn. Er soll ihr König sein und werden. Und dieser Einzug auf dem Esel ist für viele ein Zeichen der Hoffnung, denn viele fromme Menschen werden an die alte Verheißung aus dem Buch des Propheten Sacharja erinnert:  “Siehe dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.”  Jesus soll ihr Held sein und werden … vor allem ihr Befreier von der verhassten römischen Besatzungsmacht. Und so wird er als “König” bejubelt und empfangen.

Wenige Tage später, Karfreitag ist der “Shitstorm” da: “Kreuzigt ihn!”. Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Die Bibel berichtet wie unterschiedliche Menschen Jesus “testen”, ihre Fragen und Anfragen bezüglich Gott und der Welt an ihn stellen. Und eins wird klar – ein König im üblichen Sinne ist Jesus nicht und wird es auch nie sein. Statt zu herrschen ist seine Devise zu dienen, statt die Gunst der Stunde zu nutzen und zum Aufstand gegen die Besatzungsmacht aufzurufen predigt er “Vergebung und Nächstenliebe”. Ja, so gesehen kann ich den “Shitstorm” der Karfreitag folgt nachvollziehen – Erwartungen werden nicht erfüllt.

Was erwarten wir von diesem Jesus? Einen Machtvollen König der ein “Superheld ist”? Was erwarten wir von Gott? Dass er uns ein wundervolles Paradies schafft und alle unsere Probleme wundervoll und machtvoll löst?  Heute könnten wir an Gott zweifeln nach der Devise: “An einen Gott der Corona zulässt, kann ich nicht glauben …”

Damit es wie damals zu keinen “Shitstorm” kommt – in der Geschichte rund um “Palmarum” zeigt uns Gott in Jesus Christus wie er ist: Kein Herrscher, sondern ein “Diener”. Kein König der erhaben und unnahbar ist, sondern der mir königlich nahe kommt und mich liebt. Keiner, der uns alle unsere Probleme wie ein Superheld wegräumt, sondern uns die Kraft gibt, das zu tun was jetzt dran ist und wir zu Heldinnen und Helden in unserem Lebensumfeld sind und werden.

Ich wünsche uns die Kraft, den Mut und die Freude königliche Dienerinen und Diener in unserer “Corona-Krise” zu sein und zu werden.

Alles Gute und Gottes reichen Segen wünscht Ihnen und Euch

Ihr Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger