Andacht für den 3.4.

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Jeden Tag neue, alarmierende Zahlen in den Medien … Mein letzter Stand am Donnerstag, den 2. April 2020 war:
Mehr als 73.500 Infizierte in Deutschland und 872 Tote durch Covid 19.

In anderen Ländern ähnliche Zahlen, oder noch einmal potenziert – wie in den USA, Italien und Spanien.

Und hinter jeder Zahl der „Infektionsfälle“ steht ein Menschenleben. Ein Mensch, der Sorge hat, wie der Krankheitsverlauf sein wird. Und seine Zugehörigen – Familie, sowie Freunde –, die Angst haben um den Erkrankten und wohl auch um sich selbst.

Und hinter jedem Todesopfer, das die Pandemie fordert, stehen Menschen, die um den/die Verstorbene/n trauern.

Und ich frage mich, wie viele Tränen in diesen Krisenzeiten geweint wurden und in Zukunft geweint werden? – Man kann sie nicht zählen …

Dann die Tränen der Erschöpfung von Ärzten und Pflegern und Krankenschwestern in den Kliniken oder Behelfslazaretten. Ganz extrem ist es auf den Intensivstationen.

Wir schauen auch über unser Heimatland hinaus und bedenken, wie die Situation in manchen anderen Ländern ist. Dorthin, wo die medizinische Versorgung katastrophal ist.

Dass Menschen in anderen Ländern festgehalten werden, weil es – wie z.B. in Peru – ein Ausreiseverbot gibt. Wie sie warten und hoffen, dass sie endlich nach Hause dürfen.

Wie viele Tränen werden in anderen Ländern geweint? – Man kann sie nicht zählen …

Dann die Tränen, die Menschen weinen, die mit der Kontaktsperre oder Quarantäne nicht zurechtkommen. Die Einsamkeit, die bei einigen zur Depression führt.

In manchen Familien, in denen Aggressionen auch sonst zum Alltag gehören, führt das beengte Zusammensein zu noch mehr Gewalt.

So viele Tränen! Auch Tränen von Kindern … – Man kann sie nicht zählen.

Die Aussagen von Menschen, die in Kurzarbeit sind. Oder die Selbstständigen, die nicht wissen, wie es weitergehen kann. Auch im Fernsehen Menschen, die zu ihren Gefühlen stehen und sagen: „Vor lauter Sorge kommen mir immer wieder die Tränen.“

Ja, ich frage mich, wie viele Tränen in diesen Krisenzeiten geweint wurden und in Zukunft geweint werden? – Man kann sie nicht zählen …

Anders lese ich es im Gebetbuch der Bibel. Ein Beter des Alten Testaments sagt zu Gott: „Zähle die Tage meiner Flucht, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du, mein Gott, zählst sie.“ (Psalm 56, 9)

Wie viele Tage sind wir vor der bitteren Wahrheit geflohen, dass dieses Virus unser ganzes Leben verändern wird, dass es die ganze Welt verändern wird.
Zuerst konnte es wohl kaum jemand von uns glauben. Und noch bis vor kurzem haben Politiker behauptet, dass alles nicht so schlimm ist. Gott zählt die Tage unserer Flucht.

Wir fliehen nicht mehr vor der Pandemie. Wir bieten ihr die Stirn. Wir setzen Solidarität, Engagement, Kreativität und Beharrlichkeit von so vielen dagegen.
Und wir haben Gott auf unserer Seite!

Wer verzweifelt ist, kann mit dem Beter des Alten Testaments zu Gott sagen: „Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du, mein Gott, zählst sie.“

Das bedeutet: Gott sieht unsere Not. Er kennt unsere Fragen. Sein Sohn Jesus hat auch geweint und er hat gefragt, ob das Leiden an ihm vorüber gehen kann.

Gott steht uns zur Seite. Wir können uns an ihn wenden mit unseren Klagen, mit unserem Schmerz, mit unserer Traurigkeit.

Gottes Gegenwart können wir auch durch andere Menschen erfahren.

Denn was in unserem Leben wirklich zählt, ist: Dass Menschen füreinander da sind, einander zuhören, einander helfen. Ich bin überwältigt über so viel Hilfsbereitschaft, die überall in unserer Gemeinde zu spüren ist.

Was wirklich zählt: Dass wir auch die in den Blick nehmen und ihre Tränen sehen, die in anderen Ländern von der Pandemie betroffen sind.

Gott sieht die Tränen der Menschheit und zählt sie.

Ich will darauf vertrauen, dass das Wort aus dem letzten Buch der Bibel gilt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (Offenbarung 21, Vers 4)

Ich will darauf vertrauen, dass Gott die Tränen verwandeln kann. Dass er uns Zuversicht schenkt für unser Leben und denen Kraft gibt, die krank sind oder um andere trauern.

Der 126. Psalm stärkt mein Vertrauen. Da heißt es: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. (Psalm 126, Vers 5) – Darin schwingt für mich die Hoffnung mit, dass nach schweren Zeiten irgendwann neues Leben möglich ist.

Denn unsere Tränen sind nicht das Letzte. Gerade durch sie kann sich der Horizont öffnen. Wer weinen kann, der kann auch hoffen. Tränen sind eine Saat der Hoffnung.

Wir befinden uns in der Passionszeit: Wir bedenken, dass Jesu Leidensweg nicht im Tod endet. Der Weg geht weiter. Ostern ist das Fest der Auferstehung.

Ich hoffe, dass es auch für unser Land und für unsere Welt neues Leben geben wird. Und bis dahin hilft es mir, dass da einer ist, der unsere Tränen sieht und für uns da ist.

Mein Wunsch für Sie und Euch ist: Bleibt behütet und bleibt gesund!

Herzlichst Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Fotos: D. Binderberger