Andacht für den 29.3.

Liebe Gemeinde,

der Sonntag Judika ist für mich jedes Jahr ein besonderes Datum, denn vor mittlerweile 24 Jahren habe ich an diesem Sonntag in Heusweiler im Saarland meine Ordination gefeiert. Für mich war es ein wunderbarer Tag mit der Familie, vielen Freunden und einer großen Gemeinde. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich danach, egal in welcher Gemeinde ich auch war, an diesem Datum immer Gottesdienst gefeiert. Das war mir wichtig.

Auch in diesem Jahr hätte es so sein sollen und es wäre sogar ein ganz besonderer Gottesdienst geworden. Die Einführung des neuen Presbyteriums in der Rösrather Versöhnungskirche mit anschließendem Empfang und Verabschiedung der ausscheidenden Presbyterinnen und Presbyter. Und nun ist alles ganz anders gekommen! Kein Gottesdienst. Keine feierliche Einführung der Presbyterinnen und Presbyter. Kein festlicher Empfang. Kein munterer und fröhlicher Austausch der Gäste.

 

„Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad!“ Sagt mir der alttestamentliche Losungstext für den 29. März. Ja, sicherlich, es tut gut zu wissen, dass es da einen gibt, der weiß, wohin die Reise für uns alle geht. Doch die Sorge vor einer ungewissen Zukunft nimmt mir der Vers nicht, dafür sind die Meldungen und Vorhersagen der Fachleute in Bezug auf das Corona-virus zu dramatisch.

Nun gut, sage ich mir, wer kennt schon die eigene Zukunft? Die lässt sich eh nicht vorhersagen. Und dass all unser menschliches Planen einen göttlichen Vorbehalt hat, das weiß ich auch. Doch im Moment wissen wir ja noch nicht einmal mehr, was die allernächste Zukunft bringt. Fest steht nur, bis zum Ende der Osterferien gilt ein weitreichendes Kontaktverbot, das auch unser kirchliches Leben, so wie wir es gewohnt sind, lahmlegt. – Doch das ist ja nur die Ruhe vor dem Sturm.

Von einem Tsunami reden die Wissenschaftler, der da demnächst über uns hereinbrechen wird, und von einem Zug, der auf den Abgrund zurast, und dass es nun gilt, sich darauf vorzubereiten. Beruhigend klingt das nicht. Und wann es wieder eine Normalität gibt, wie sie bisher unser Leben bestimmte, das weiß erst recht keiner.

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis.“ So schreibt Paulus im ersten Korintherbrief. Der neutestamentliche Losungstext für den heutigen Sonntag!

Die Bedrängnis, welche die aktuelle Pandemie mit sich bringt, spüren ganz viele Menschen. Da kommt uns etwas nahe, das uns massiv schaden kann, uns selbst und allen anderen Menschen auf dieser Welt und ich leide mit, wenn ich im Fernsehen die Statistiken verfolge mit ständig steigenden Zahlen von Infizierten und Toten, ich leide mit, wenn ich die Aussagen höre von Ärzten und Pflegpersonal, die unter schwierigsten Bedingungen um das Leben ihrer Patienten kämpfen, und es tut mir weh, wenn ich die Bilder aus bekannten Städten sehe, mit denen sich für mich schöne Urlaubserinnerungen verbinden und die nun menschenleer und verwaist sind.

In diese Bedrängnis, die uns betroffen hat, spricht der Apostel: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis.“

 Ja, es tut gut, an einen Gott zu glauben, der selbst Trost und Barmherzigkeit ist. Das habe ich in meinem Leben immer wieder erfahren. Und ich nehme Paulus ab, dass er das alles ebenso erfahren hat.

Doch im Moment bin ich da noch nicht. Im Moment jagen tausend Fragen durch meinen Kopf. Im Moment sehe ich Bedrängnis und Tod täglich vor Augen und ich spüre Fassungslosigkeit und Trauer tief in mir.

Ja, ich bin mir sicher, dass Gott Trost schenken wird, und das tröstet auch schon ein wenig in der Gegenwart. Aber reicht mir das?

„Lass uns tiefer dir vertrauen und getroster gehen! Kann kein Auge, Gott, Dich schauen, kann‘s doch Spuren sehn. Spuren von Schritten, die zur Nacht still vorübergingen, Strahlen, die mit Übermacht durch das Dunkle dringen.“

Diese Gedanken von Arno Pötsch sind im Losungsheftchen den beiden vorangegangenen Bibelversen zugesellt. Ja, da kann ich mit. Ja, mit diesen Worten kann auch ich beten. Und ich biete Ihnen an, es mit mir gemeinsam zu tun.

Dreimal am Tag läutet im Turm der Versöhnungskirche Rösrath seit jeher die Vater-unser-Glocke, um 7, 12 und 19 Uhr. Am Samstag läuten alle Glocken um 19 Uhr für 10 Minuten den Sonntag ein. Nun läutet die Vater-unser-Glocke noch einmal um 19.30 Uhr zusammen mit der röm. kath. Schwesterkirche und lädt ein zum ökumenischen Gebet.

Alle, die ihren Ruf folgen möchten, halten während des Läutens einen Moment lang inne und wenden sich zu Gott, der uns auch in Zeiten wie diesen seinen Trost schenken will.

Amen.

Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Sonntag Judika,

Ihr Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger