Andacht für den 28.3.

Liebe Leserin, lieber Leser,

beim Gang durch den Supermarkt lese ich in Großschrift „Abstand halten“. Die beiden Worte sind auf den Fußboden geklebt und an Warenregalen aufgehängt.

Anscheinend brauchen wir in diesen Zeiten immer wieder diese Erinnerung, weil wir im „normalen Alltag“ einander nahe sein wollen. Gut, nicht unbedingt dicht gedrängt an der Supermarktkasse, nein. Aber wir wollen einander nahe sein, weil wir Beziehungswesen sind; weil wir die Nähe anderer Menschen brauchen.

Es fällt mir schwer, mich an dieses Abstandsgebot zu halten. Also: Nur von Weitem winken, anstatt sich zu begegnen und einander die Hand zu geben. Kontaktsperre … (zum Glück nicht Ausgangssperre …)

Nah bei den Menschen sein“ – das ist ein Satz, der in vielen Berufen zur Selbstverständlichkeit gehört.

Letzten Montag war ein Foto in den Tageszeitungen, auf dem einige Vertreter solcher Berufe abgebildet waren mit dem Plakat: „Wir sind für EUCH da, bleibt ihr für uns ALLE zu Hause!“ Zu sehen waren Menschen aus Rettungsdienst und Feuerwehr, aus Altenpflege, Polizei und Kirche. Ich habe mich darüber gefreut, dass ich bei dieser Initiative der Feuerwehr die Seelsorge vertreten durfte.

Wie viele andere gehören wir zu denen, die im Dienst bleiben und nah bei den Menschen sein wollen, – auch in diesen Zeiten der Corona-Krise.

Nähe“ – das ist ein Wort, das auch bei uns in der Gemeinde wichtig ist. Wir Pfarrer und Pfarrerinnen wollen die Nähe Gottes vermitteln.

Es mag sein, dass manche sich fragen: Wie sieht denn jetzt Euer Dienst aus? Wie wollt Ihr nahe sein? Die Gottesdienste sind abgesagt, die Gemeindezentren sind geschlossen, man darf sich nicht mehr treffen.

Wir machen uns Gedanken darüber, wie wir den Menschen auf andere Weise nahe sein können. Meine beiden Kollegen und ich haben trotzdem alle Hände voll zu tun. Einige Beispiele:

Wir telefonieren viel mehr als sonst. Dabei ergeben sich lange, intensive Gespräche.

Es gehen Mails hin und her. Internet-Seelsorge sozusagen. Und: Wir danken Ihnen und Euch für Ideen und für mutmachende Worte. Das stärkt auch uns.

Wir schreiben Briefe an Menschen, die nicht per Internet mit anderen in Kontakt treten können. Darin gute Wünsche und aufbauende Worte.

Beim Glockenläuten laden wir ein zum gemeinsamen Singen und Beten.

Und nun, mit diesen täglichen Andachten auf unserer Homepage kommen wir zu Ihnen und Euch nach Hause. Wir hoffen, dass wir damit den Kontakt halten können.

Unser Ziel ist es, in diesen so belasteten Zeiten ein wenig Zuversicht in die Herzen der Menschen zu säen. Denn so viele haben Angst um ihre Lieben. So viele Menschen machen sich Sorgen um die Zukunft. Es stehen Existenzen auf dem Spiel. Wir dürfen niemanden aus den Augen verlieren.

Wir möchten anderen durch Gottes Wort Mut zusprechen und vermitteln, dass Gott uns nahe ist und uns Kraft geben kann.

In Psalm 145, Vers 18, sagt ein Beter des Alten Testaments: „Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen.

Und so laden wir Sie und Euch ein, Gott anzurufen, wenn die Glocken läuten. Wenn viele das Vaterunser sprechen, die Bitten vor Gott bringen und vielleicht auch das hier vorformulierte Gebet sprechen, das verbindet – über alle Entfernungen, über alle Distanz hinweg. Abstand halten, ja … Und doch Nähe und Gemeinschaft.

Jeden Tag wird die Vaterunser-Glocke läuten und zum Gebet einladen. In der Rösrather Versöhnungskirche und der Forsbacher Christuskirche um 19.30 Uhr (wie in den katholischen Kirchen), in der Volberger Kirche um 21.00 Uhr.

Wir laden dazu ein, um diese Uhrzeiten das Vaterunser und in den nächsten Tagen das Gebet zu sprechen, das ich auf der Seite der Ev. Kirche in Deutschland entdeckt habe:

Gott, wir sind unsicher und besorgt.
Die Dinge geraten außer Kontrolle.
Die Angst verbreitet sich schneller als der Virus.
Mein Nachbar wird zu einer Bedrohung.
Die Grenzen sind geschlossen.
Menschen werden isoliert.
Gott, wir verstehen die Maßnahmen und die Versuche, die Sicherheit zu gewährleisten, doch wir bleiben unsicher und besorgt.
Gott, Du bist in Jesus auf die Erde gekommen, um zu heilen, wo sich Angst und Misstrauen ausbreitet.
Du bist auf die Erde gekommen, um zu trösten, wo Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit zu spüren sind.
Du bist auf die Erde gekommen unter den Ausgestoßenen und Ausgegrenzten.

Wir beten zu Dir:
Gib uns den Mut, Krankheit und Tod ins Auge zu sehen und niemals aufzugeben.
Gib uns die Kraft, Hoffnung zu verbreiten, wo Angst die Welt verdunkelt.
Gib uns das Durchhaltevermögen, Menschen zu ermutigen, die sich einsam und ausgeschlossen fühlen.
Gott, wir wissen, dass wir als Kirchen durch deinen Geist verbunden sind, auch über die Grenzen zwischen uns hinaus.

Amen.

Pfarrer Sören Lenz, Exekutivsekretär der KEK (Konferenz der Europäischen Kirchen)

Ihre Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger